CORINNA UND MARKUS

„Da gehst du nicht hin. Ich sage es nicht noch einmal, du gehst da nicht hin!“
„was willst du denn dagegen machen, mich einsperren? Ich springe durchs Fenster!“

Corinna schaute ihrer Mutter herausfordernd ins Gesicht. Ihr Blick offenbarte die gesamte Wut, zu der sie mit ihren 16 Jahren fähig war.

„Ich liebe ihn und du kannst mir gar nichts.“

Gegen Ausbrüche dieser Art war die Mutter mittlerweile abgestumpft. Die Pubertät ihrer  Tochter hätte sie sich niemals so anstrengend vorgestellt.  Ihr Mann war in dieser Angelegenheit auch keine große Hilfe.

„Du machst das schon, Ilse. Schließlich seid ihr ja beide Mädchen – meine Mädchen.“

Sie wehrte den halbherzigen Umarmungsversuch ihres Mannes ab.

„Du immer mit deinen schlappen Ausreden und Ausflüchten!“

Er ging darauf nicht näher ein, sondern fragte: „ Du hast sie doch gestoppt?“

„Was weiß ich, in ihrem Zimmer ist sie jedenfalls nicht!“

„Man darf doch im Moment gar nicht rausgehen, was, wenn sie erwischt wird?“

„Sie trifft sich mit diesem Markus!“ Ilse wollte, dass ihr Mann ihre Verzweiflung spürte.

„Aber, das hast du ihr doch verboten!“

„Was heißt verboten“, jetzt schrie Ilse. „Du überlässt immer alles mir. Wie es mir geht, was ich fühle,  interessiert dich gar nicht.“

„Jetzt werd‘ nicht wieder hysterisch“. Er sah sie mit diesem Blick an, der sie jedes Mal  aufs Neue erschauern ließ.

 

Sonnenfinsternis 1

Photo: Harry Götz

Corinna war von dem Streit mit ihrer Mutter noch ganz aufgewühlt.  Sie hasste sie und ärgerte sich gleichzeitig über sich selbst, weil sie die Situation daheim nicht einfach vergessen und sich auf die nächsten Stunden freuen konnte.  Gleich würde sie  Markus wiedersehen, seine Umarmung spüren…

Ja später, daheim, würde der Zirkus wieder losgehen. Corinna trat wütend nach einem Stein, der im Weg lag. Warum konnte sie nicht einfach die Gegenwart genießen, ohne an das Später zu denken?

Dann sah sie ihn. Corinna wurden die Knie weich.

„Da bist du ja!“

Er trat aus der Gruppe Jugendlicher heraus. Er war älter als die anderen. Das Lässige in seinen Bewegungen, natürlich und nicht einstudiert wie bei so manch anderen Jungs, die cool sein wollten. Seine Stimme klang kräftig trotz eines weichen Akzents. Corinna glaubte gerne, dass diese Sanftheit ihr galt. Deshalb traf es sie wie ein brutaler Schlag, als er sagte:

„Schatz, ich glaub‘ ich muss mich eine Weile vom Acker machen.“

Corinna nahm kaum ihre Umgebung war. Sie antwortete nur mechanisch auf die Begrüßungen der anderen Jugendlichen, die sich heimlich hinter dem Aldi in einem kleinen brachliegenden Waldstück trafen. Niemand wusste, wie lange die Ausgangssperre noch dauern würde, und solange die Schulen geschlossen waren, kamen einige Jugendliche hier zusammen, während sie offiziell die Einkäufe für ihre Familien und, es muss zu ihrer Ehrenrettung gesagt werden, teilweise auch Großeltern erledigten.
„Wir halten ja Abstand“, hieß es, und bei den meisten traf dies auch zu.
Corinna trat einen Schritt zurück.
„Wieso musst du weg?“
„Bens Eltern haben mich rausgeworfen. In Zeiten der Coronakrise bin ich ein zu großes Ansteckungsrisiko. Ich habe Kontakte nach draußen und als Schmarotzer bei der Familie im Haus bleiben und den Leuten auf der Tasche liegen kann ich auch nicht. Die hocken in der kleinen Wohnung eh schon so dicht aufeinander.“
„Und nun?“ Corinna wusste nicht, was schlimmer war, die Sorge um die Sicherheit ihres Freundes oder die Aussicht Markus nicht mehr sehen zu können.
Markus zuckte mit den Schultern. „Für Obdachlose, sind dies unsichere Zeiten, weißt du.“
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Ben gesellte sich zu der Gruppe. Sein bis oben hin voller Rucksack und die drei Einkaufstüte, verrieten, dass er aus dem Aldi kam.

„Wegen dem Scheißcorona muss ich für das gesamte Krampfadergeschwader in der Nachbarschaft einkaufen!“ Es war ihm anzusehen, dass er schlechte Laune hatte. „und das zu Fuß, weil sogar die Führerscheinprüfung ausgefallen ist.“ Da bemerkte er Markus, der gerade im Begriff war, sich von der Gruppe zu entfernen.

„Tut mir Leid, Alter, dass du rausgeflogen bist, aber bei der Erzeugerfraktion war nichts zu machen.“

„Hat dein Vater das mit dem Zocken den schon herausgekriegt?“

 

„Nein, bei schönem Wetter hocken sie alle bis spät auf der Terrasse, da kann er nicht heimlich am Computer zocken. Wenn ‚Vatter‘ seinen Kontostand sieht, bin ich tot. Kann noch nicht mal die Oma fragen, ob sie mir mit Geld aushilft. Von dem Ärger, den ich kriege, weil ich das Passwort gewusst und benutzt habe, ganz zu schweigen.“

„Ihr habt auf Kosten und im Namen von Bens Vater am Computer gezockt? Wieviel war’s denn?“

Corinna war entsetzt und schöpfte zugleich ein wenig Hoffnung. „Da kannst du jetzt unmöglich einfach den Abgang machen und Ben die Sache alleine ausbaden lassen!“

 

„Tut mir leid, Alter.“ Markus klopfte Ben bedauernd auf die Schultern, Corinnas Protest ignorierte er mit einem verlegenen Lächeln. „Ich muss jetzt, sonst verpass ich den Bus.“
„Was denn für einen Bus?“, wollte ein anderer Junge aus der Gruppe wissen.
„Meinst du vielleicht ich kann hier ohne Bleibe sein? Da bin ich in der Stadt besser dran. Da kenn‘ ich wenigstens noch ein paar Kumpels, denen es ähnlich geht.“
Jetzt schaltete sich Corinna wieder ein: „Aber hier kennst du doch auch Leute, wir helfen dir!“

„Kommt, ist gut.“ Markus wandte sich ab, damit niemand seinen Gesichtsausdruck sah. „Muss jetzt gehen, ich will noch ein paar Bierchen kaufen.“

Damit entfernte er sich schnell in Richtung Supermarkt. Er wollte die Erinnerung an die weinende Corinna und Ben so schnell wie möglich hinter sich lassen.

Markus fühlte in seiner Tasche nach den zwei Fünfzigeuroscheinen, die er heute Morgen, unmittelbar nach seinem Rausschmiss, sozusagen auf dem Weg nach draußen, aus dem Portemonnaie von Bens Mutter geklaut hatte. Als unfreiwilliges Abschiedsgeschenk, dachte er bei sich und nahm sich fest vor, den bevorstehenden Einkauf zu erledigen, ohne das Geld anzurühren.

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Photo: Franklin Hejnen in Flickr

Die Proviantbeschaffung erwies sich schwieriger als gedacht. Der Aufpasser am Ladeneingang achtete genau darauf, dass immer nur einzelne Kunden nacheinander den Laden betraten.
Drinnen war es so gut wie menschenleer und damit übersichtlich für jedermann. Markus fragte sich, wie er unbemerkt an Bier, Tabak, Toastbrot und, wenn irgend möglich, ein paar Dosen Ravioli kommen sollte. Verpflichtende Gesichtsmasken wären jetzt eine gute Idee, gewissermaßen als Tarnung, dachte er bei sich und grinste über den eigenen dämlichen Witz. Dass er vom Marktleiter beobachtet wurde merkte er erst, als er die Packung Kekse bereits in der Jackeninnentasche verstaut hatte.

 

Der Marktleiter, den Markus kannte seit er ein Kind war, guckte wissend und missbilligend. An ein Entkommen war nicht zu denken. Eine Palette mit H-Milch versperrte Markus den Fluchtweg.  Da begannen zwei Frauen, sich um die letzten drei Pakete Toilettenpapier zu balgen.

„Nur haushaltsübliche Mengen“, schrie die eine und riss eines der Pakete vom Einkaufswagen ihrer Widersacherin.

„Ich kauf‘ doch für andere mit ein“, die zweite Dame versuchte ihre Beute zu verteidigen. Im Gemenge platzte die Verpackung und die Klorollen kullerten durch den Gang.

Der Marktleiter war von diesem Geschehen völlig in Beschlag genommen. Markus nutzte seine Chance und rannte.

 

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Foto: Mark Stevenson auf Flickr

Außer Puste stand Markus an der Haltestelle. Um das Geld für die Fahrkarte tat es ihm leid, aber Schwarzfahren ging im Bus nicht. Wenigstens könnte er auf der Fahrt schlafen. Er war so müde. Müde, sich jeden Morgen artig für das Bett und das Essen zu bedanken, das Bekannte ihm zur Verfügung gestellt hatten. Er würde sein Glück auf eigene Faust versuchen.

Die Schulden bei seinem Dealer hatte er völlig vergessen. Er wurde jedoch sehr plötzlich daran erinnert, als er die vier Gestalten auf sich zukommen sah und ihn der erste Schlag schmerzhaft in die Magengrube traf.

Der zweite Schlag traf ihn ins Gesicht. Der  Schmerz wurde zu einem Pfeil und schoss von der Nase direkt ins Gehirn. Markus schmeckte den Eisengehalt seines Blutes. Da erst begriff er, was ihm gerade passierte. Wehren konnte er sich nicht, denn solange er noch aufrecht stand, hielten ihn zwei der Typen fest, während die anderen beiden auf ihn einschlugen. Sie prügelten schweigend und mit einer Präzision, aus der hervorging, dass sie auf dem Gebiet Übung besaßen. Während er auf den nächsten Hieb wartete, sehnte sich Markus danach, dass dieser ihm endlich erlauben würde, das Bewusstsein zu verlieren.

Das erste, das er beim Wiedererwachen merkte, war, dass etwas auf sein Gesicht tropfte. Dann fand der Schmerz seinen Weg zurück in seinen Körper und sein Bewusstsein. Er stöhnte laut und erschreckte sich selbst vor diesem Ton.  Corinna sprach mit leiser und zärtlicher Stimme zu ihm. Sie weinte und die Tränen fielen auf sein Gesicht. Markus versuchte, die einzelnen Glieder zu bewegen. Dabei stellte er fest, dass er noch auf der Erde lag. Der Boden war kalt und matschig. Corinna hielt seinen Kopf sanft in ihren Händen. Markus spürte diese zärtliche Geste mit Dankbarkeit und schloss erneut die Augen.

„Au Mann, das sieht schlimm aus, kannst du aufstehen? Versuch’s mal!“

Ben reichte Markus die Hand und wollte ihn hochziehen. Dies bewirkte lediglich, dass Markus laut aufschrie. „Lass mich, ich komm‘ schon alleine hoch.“

Außer Ben standen noch zwei weitere Jungs um ihn herum. Sie gehörten auch zu der Gruppe, die sich hinter dem Supermarkt getroffen hatten.

„Am helllichten Tag zusammengeschlagen, das hältst du ja im Kopf nicht aus!“, fasste der eine die Situation zusammen. „Und wer waren jetzt die Typen?“

Ben wusste Bescheid: „Mann, denen schuldest du auch Geld? Die sind gefährlich, was willst du jetzt machen?“

„Erstmal vielen Dank, Leute“, zumindest das Sprechen klappte langsam wieder.

„Eigentlich hat dich Corinna gerettet. Sie ist dir bis zur Bushaltestelle nachgegangen, hat gesehen, was passiert ist und so einen Radau gemacht hat, dass die Typen abgehauen sind.“

„Versuch‘ mal vom kalten Boden aufzustehen.“ Gemeinsam hievten sie Markus auf den Sitz der Bushaltestelle. Ihm wurde sofort wieder schwindlig. Aus der Nase und einer Wunde am Kopf floss Blut.

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Foto: miggslives photography auf Flickr

„Das muss genäht werden, vielleicht hast du auch innere Verletzungen.“ Corinna zückte ihr Handy um den Notruf zu wählen.

Markus wehrte ab. „ Hör auf damit. Die Krankenhäuser sind mit Coronapatienten überfüllt.“

Corinna schüttelte den Kopf. „Das sind doch alles nur Gerüchte, die Regierung will damit von ihrem eigenen Versagen ablenken.“
Ben widersprach. „Hast du die Bilder nicht gesehen? Ich glaube kaum, dass die Mächtigen in Europa die Armeelaster zum Spaß auffahren und Leichen in Massengräber transportieren lassen.“
„Wer sind denn nun die ‚Mächtigen?“, wollte einer der Umstehenden wissen.
„Na die, die ein Interesse daran haben, dass hier alles ruhig bleibt, es keine Plünderungen und Aufstände gibt. Sie wollen, dass wir nicht erfahren, was wirklich passiert ist.“
Der Bus kam, hielt kurz an und fuhr weiter. Dieser Tage gab es kaum Passagiere.

 

Die wenigen Passanten, die vorbei kamen, hielten den behördlich verordneten Abstand zu der Gruppe Jugendlicher großzügig ein. Um den blutenden Markus kümmerte sich keiner. Dafür  fielen missbilligende Bemerkungen wie „keine Versammlungen erlaubt“ und „rücksichtsloses Benehmen.“

 

Ben beeindruckte das nicht, er war jetzt richtig  in Fahrt. „..ist doch klar, aus irgendeinem Labor dieser Welt ist so ein böser kleiner Virus entwichen, ob aus Versehen oder mit Absicht spielt jetzt auch keine Rolle mehr.“

 

„Deine Verschwörungstheorien helfen gerade nicht, geht doch einfach weg!“  Corinna wollte mit Markus alleine sein. Irgendwie würde sie dann eine Lösung finden und Markus bei ihr bleiben.

 

 

Ben und die beiden anderen Jungs schauten Markus fragend an. „Schon gut, haut ab,“ meinte dieser und alle außer Corinna machten sich von dannen.

„Wie geht es dir?“

Corinnas Mitgefühl tat Markus gut. Aber bei dem, was ihm bevorstand, half es nichts ein Weichei zu sein.

„Es geht schon, es blutet gar nicht mehr stark und tut schon weniger weh.“ Ein bisschen nett zu sein, schadete ja nichts.
„Trotzdem, die Wunden können sich infizieren und Narben wirst du auch behalten.“

„Und dann, wirst du mich dann nicht mehr liebhaben?“ fragte Markus und ärgerte sich im selben Moment über seine Worte.

Geoff Livingston Love transcends the rain

Foto: Geoff Livingston on Flickr

 

Was ich für dich fühle, habe ich noch für niemand empfunden!“
„Es tut mir leid, dir das sagen zu müssen, du verschwendest eine Menge Gefühl an mich.“ Markus rückte mit schmerverzerrtem Gesicht ein Stück von Corinna ab, ihre Hand ließ er nicht los.
„Du tust immer so tough, in den Heimen, in denen du groß geworden bist, war das sicherlich notwendig. Aber ich weiß genau, dein Herz ist weich und groß.“
„In diesen Zeiten zahlt es sich nicht aus, gut zu sein. Außerdem, in der letzten Wohngruppe war es gar nicht so übel.“
„Warum bist du denn da abgehauen?“

„Mit 18 hätten sie mich sowieso rausgeschmissen, und als Chris, der einzige Betreuer, der sich je wirklich um mich gekümmert hat, versetzt wurde, habe ich mich lieber freiwillig  vom Acker gemacht. Man soll gehen, wenn es am schönsten ist.“

 

Es gelang Markus ansatzweise zu lächeln.  „Hier in dem Kaff ist nichts für mich, alle kennen mich und gucken mich schief an. Wie hat der olle Schwendler in Geschichte immer so schön doziert: „Stadtluft macht frei.“

 

Ein älteres Ehepaar mit Masken vorm Gesicht wechselte, als sie Markus und Corinna bemerkten, demonstrativ auf die andere Straßenseite.

 

„Ich könnte mit dir kommen.“

 

Es war ein schweres Stück Arbeit gewesen, ihr diese Idee auszureden. Eine der albernen Gesichtsmasken, die Corinnas Oma aus Stoffresten für alle ihre Enkel schneiderte, hatte er nehmen müssen. Als sie ihm den Rest ihres Taschengeldes geben wollte, hatte er sich geweigert. Klauen im Supermarkt und sogar von Bens Eltern war eine Sache. Eine Frau abzocken – da hörte es auf.

Er hatte Corinna wohlweislich verschwiegen, dass die Kerle, als sie ihn zusammenschlugen, die hundert Euro fanden. Somit verfügte er nur noch über ein wenig Kleingeld und machte sich zu Fuß auf den Weg in die 30 km entfernte Großstadt.

Im Hellen würde er das nicht mehr schaffen. Da hielt ein rostiger Kleintransporter an. Der rumänische Fahrer sprach gebrochenes Deutsch.

„bin auch gelaufen viel, bevor haben Auto“, meinte er fröhlich. „Ich Cosmo“, sagte er und freute sich sichtlich, Markus den langen Fußweg ersparen zu können.

Das Gespräch wurde ernster, als sie begannen sich, so gut es ging, über die gegenwärtige Situation zu unterhalten.  „Ja hier schlecht, aber in Amerika noch viel schlechter, halten Leichen in Lastern in Tiefkühltruhen. Bald noch schlimmer, wie in Südamerika – Tote liegen auf der Straße und werden von Familie angezündet, weil keiner sie begräbt.“

Georg Sanders Chevrolet Van on Flickr

Georg Sanders on Flickr

Markus wurde es mulmig.  Was er von der Corbit 19 Krise, insbesondere über die Berichterstattung halten sollte, wusste er nicht. Gegenüber offiziellen Nachrichtensendern und Fernsehjournalisten war er äußerst kritisch. Sich selbst ein Bild machen,  konnte er  nicht. Bis in die Kleinstadt war der Virus noch nicht vorgedrungen. Markus kannte keinen Erkrankten oder gar Verstorbenen persönlich.

Schließlich gewann Cosmos  Frohnatur wieder die Oberhand: Sie fuhren gerade durch ein Dorf, an dessen einziger Ampel zwei Frauen standen. Cosmo deutete grinsend in ihre Richtung. „Aber gibt auch lustig. Keine Frisöre offen. Haare von Frauen sehen aus wie alte Klobürsten!“

Sie erreichten die Stadt in der Dämmerung. Auf einem Parkplatz in der Nähe des Bahnhofs hielt der Kleintransporter mit ächzenden Bremsen. Markus bedankte sich und wollte sich erkenntlich zeigen. Ihm fiel nur die aus bunten Stoffresten gefertigte Maske ein. Cosmo wehrte ab: „Nein, ich nix wollen. Kann nix atmen, nix Luft. Muss frei sein.“

Markus zuckte mit den Schultern, hob die Hand zu einem letzten Gruß, drehte sich um und ging los.
„Hei, Junge, wo du gehen?“ Cosmo lehnte an der Autotür. Seine Zungenspitze drückte durch die Zahnlücke, wo ihm ein Schneidezahn fehlte.
„Hast du keine Hause? Komm‘ mit mir.“

„Leise sein, Besuch nix erlaubt hier!“ Selbst in der Dunkelheit, die in diesem Stadtteil wage von wenigen Straßenlaternen durchbrochen wurde, sah das Haus vernachlässigt und baufällig aus. Sie betraten es durch einen Seiteneingang. Die Tür klemmte, abgeschlossen war sie nicht.

Im Flur roch es modrig und nach abgestandenem Essen. Die Tapeten hingen, wohl als Folge eines Wasserschadens, in Fetzen herunter. Aus den Zimmern drang leises Gemurmel. Hier und da wurde auf einem Handy für Markus fremdklingende Lieder abgespielt. Die Türen waren meist nur angelehnt, manche Räume hatten lediglich Stoffvorhänge als Abtrennung. Das ganze Szenario wurde durch nackte Glühbirnen beleuchtet.

Jaroslav A. Polák auf Flickr zerfallenes Haus

 

Foto: Jaroslav A. Polák auf Flickr

 

Patrick Merritt auf Flickr alter Flur

 

Foto: Patrick Merritt auf Flickr

 

 

 

 

Cosmo öffnete eine der Türen. Sie hing schief, das untere Scharnier war abgebrochen.  Es roch stickig und nach nasser Wäsche. Die Wände waren vollgestellt mit Etagenbetten, auf denen teilweise Schaumgummimatratzen und Schlafsäcke lagen. Es gab einen mit einer Wachstuchtischdecke bedeckten Tisch, um den herum einige einfache Holzstühle standen. Auf einem dieser Stühle saß ein Mann über einen Teller gebeugt und aß konzentriert. Markus fiel sofort die Ähnlichkeit zwischen diesem Mann und Cosmo auf. Cosmo hatte mehr Haare, sah insgesamt jünger aus, trotz des fehlenden Schneidezahns. Der andere unterbrach kurz seine bescheidene Mahlzeit und blickte fragend zu dem Jüngeren.

Es folgte eine lebhafte Unterhaltung zwischen den beiden Männern in ihrer Muttersprache. Markus erkannte aus den Gesten, dass es um ihn ging.  „Meine Cousin,  Pawel,  sagt ist ok, du schlafen hier.“

Cosmo deutete auf eines der Etagenbetten, das weder eine Matratze noch Bettzeug hatte und Markus machte sich auf eine ungemütliche, kalte Nacht auf diesem nackten Bettgestell gefasst.

Pawel brummelte einige Sätze in Richtung des Gastes und zeigte mehrmals mit einladender Geste auf einen Topf, der auf einer einzelnen elektrischen Herdplatte ebenfalls auf dem Tisch stand.

Der Inhalt des Topfes erinnerte Markus an Ravioli in Tomatensoße, roch aber ganz anders.

Obwohl Markus großen Hunger verspürte, lehnte er das Angebot dankend ab. Pawel zuckte mit den Schultern und sagte etwas in Cosmos Richtung. Der nickte und wandte sich an seinen Gast: „Wir sind müde, schlafen jetzt, morgen früh halb fünf zur Arbeit. Ich zeigen dir jetzt Waschraum ja?“

Sie mussten den langen Gang, auf dem sie gekommen waren, wieder ein Stück zurückgehen. „Wo arbeitet ihr denn jetzt, Deutschland hat doch dichtgemacht?“

„Was dicht?“ Cosmo schaute verständnislos.

„Ich meine, alles ist doch zu, wegen der Coronakrise, keiner arbeitet, alle sind zuhause.“

„Für uns nix Coronakrise.“ Cosmo pfiff durch seine Zahnlücke.

„Wenn nix arbeiten morgen, übermorgen keine Essen und nächste Monat keine Essen für Familie in Rumänien. Dann Corona auch egal.“

 

Markus hätte gerne gewusst, um was für Arbeitsplätze es sich bei seinen Gastgebern handelte. Aber Cosmo verstand seine diesbezügliche Frage nicht, zumindest tat er so.

Bei seiner Rückkehr  lagen Cosmo, Pawel und noch drei weitere Mitbewohner bereits in den Betten. Der Tisch war abgeräumt, Teller und Topf standen sauber neben der Heizplatte. Die Männer schnarchten. Nur Cosmo war noch wach, er zeigte auf das einzige leere Bett, das nun mit einer Matratze und einigen Decken ausgestattet war.

„noapte buna”,  sagte er und drehte sich zur Wand

Als Markus wach wurde, war außer ihm niemand mehr im Zimmer. Bevor er seine weiteren Schritte überlegen konnte, musste er erst einmal dringend zur Toilette. Dieser Gang kostete ihn einige Überwindung, denn die sanitären Anlagen waren in einem schlimmen Zustand. Toilettenpapier gab es keins.

Er war auf dem Weg zurück, da stand plötzlich auf dem Flur das schönste Mädchen, das er je erblickt hatte. Auch sie war erschrocken, was ihre Augen unbeschreiblich groß und dunkel  machte.  Schlank und hochgewachsen stand sie völlig ruhig in einem Lichtkegel, der durch das verschmutzte Fenster  auf die Dielen schien. Ihr Name war Roxana.

 

 

Mike on Flickr Houses

Foto: Mike on Flickr

Corinna war geladen. Sie hatte anfangs ehrlich versucht, alle Aufgaben zu erledigen, die die Lehrer auf die hastig auf den neusten Stand gebrachte Plattform gestellt hatten. Es war genau wie im richtigen Unterricht. Einige Lehrer kümmerten sich um ihre Schüler und bemühten sich bei der Aufgabenstellung und bei den Korrekturen, andere begnügten sich mit kurzen Emails, die auf bestimmte Seiten in den Schulbüchern verwiesen. Corinna hegte den Verdacht, dass es im Grunde egal war, ob sie die Arbeiten erledigte oder nicht. Sie waren meist so langweilig wie immer in der Schule, nur der tröstliche, persönliche Umgang mit den Mitschülerinnen fehlte.

 

„Bist du bald fertig? Wenn Vati kommt, wollen wir zu Abend essen!” Den letzten Satz hatte ihre Mutter gesprochen, als die Tür schon wieder halb geschlossen war. Dennoch hatte Corinna die geschwollenen Augen bemerkt.

Mitleid empfand sie keins. „Ich frage dich ja auch nicht, wie weit du mit deinem ‚Home Office’ gekommen bist”,  konterte sie und legte so viel Verachtung in ihre Worte wie möglich.

„Weiß dein Chef eigentlich, wie ‚gewissenhaft’ du deine Arbeitszeiten aufschreibst? Und blos, weil Vati wegen seiner Kurzarbeit schlechte Laune hat, lass ich mich noch lange nicht hetzen. Ich habe vor ihm keine Angst”.

„Warum solltest du vor deinem Vater Angst haben? So ein Quatsch!”
„Tu ich ja nicht, im Gegensatz zu dir!”
„Was redest du da, überleg’ mal genau, mit wem du hier sprichst.”
„Ach Mama, glaubst du, ich kriege nicht mit, wie es zwischen dir und Papa steht? Wenn ihr euch nicht streitet, dann herrscht Funkstille, vor allem abends ist es ganz schlimm.”
„Was du dir einredest, dein Vater und ich sind seit zwanzig Jahren verheiratet.”
„Mag sein, und wenn einer Angst vor Papa hat, dann bist das ja wohl du!”
„Hör’ auf mit dem Unsinn,” Ilse Neubauer war nun wirklich wütend.

Weil sie sich außer Stande sah, ihre Tochter auf ihr Zimmer zu schicken, stand Ilse Neubauer selbst auf, ging zum Kühlschrank und goss sich noch ein Glas Wein ein. Corinna verdrehte die Augen, erhob sich auch und verschwand nach oben auf ihr Zimmer.

Sharon Vos -Arnold on Flickr Teenage bedroom

Foto: Sharon Vos-Arnold on Flickr

 

„Denkst du dein Vater schlägt deine Mutter?” Alicia-Sophie lag auf ihrem Bett und skypte mit ihrer besten Freundin.

„Das glaube ich nicht.” Corinna setzte sich auf in den Schneidersitz. „Das hätte ich doch gemerkt und gesehen.”

„Nicht unbedingt, manche machen das so geschickt, dass die Schäge keine Spuren hinterlassen. Häusliche Gewalt kommt in den besten Familien vor.”

„Jetzt hör auf mit dem Quatsch, bei meinen Eltern stimmt einiges nicht, aber prügeln tun sie sich nicht.”

Beide checkten eine Weile ihre Handynachrichten.

„Ich heirate nie,” sagte Alicia-Sophie schließlich. „Meine Cousine hat einen kleinen Sohn. Sie wohnen in einer winzigen Wohnung und jetzt, wo sie den ganzen Tag drinbleiben müssen und die Kita zuhat, ist das besonders krass.”

„Und der Vater?”

„Den gibt’s nicht und ehrlich, sie ist kurz vorm Durchdrehen. Nicht einmal joggen gehen kann sie, weil es keinen gibt, der auf den Kleinen aufpasst. Letzte Woche hat sie dem Baby sogar ihren Schrittzähler and die Windel geklemmt.”

Beide Mädchen lachten und waren erleichtert, dass die Stimmung wieder besser war.

„Kannst ihr ja vorschlagen die Bauklötzchen des Babys zu zählen und nach Farbe sortiert in eine Exceltabelle einzutragen.”

Corinna wurde nachdenklich. „Ich glaube schon an Liebe.” Es klang pathetischer als sie es eigentlich wollte.

„ Du hast ja auch deinen Markus. Gut aussehen tut er schon.”

„Darauf kommt es doch nicht wirklich an.”

„Jetzt kriegst du wieder träumerische Kulleraugen.”

Corinna warf ein Kissen in Richtung Bildschirm. Alicia-Sophie bohrte unbeirrt weiter: „Hast du etwas von Markus gehört, seit er weg ist?”, fragte.

„Noch nicht, sein Handy ist bestimmt leer.”

„Ich wollt’ ich hätte was zum Rauchen?” Corinna sprang vom Bett auf und rannte ein paarmal zwischen Tür und Fenster hin und her.

Alicia-Sophie bedauerte: „Habe nur noch Zwei Smileys. Die war’n für die nächste Party gedacht.”

„Wann die stattfindet, weiß der Geier.”

„Musst du heute für deine Alten einkaufen? Dann können wir uns hinter Aldi treffen”, schlug Alicia-Sophie der Freundin vor.

„Meine Mutter geht wieder selber. Seit die ersten Lockerungen beschlossen wurden, denkt sie, dass Corona gar nicht so schlimm ist und geht wieder vor die Hütte, und ich soll zuhause bleiben.” Corinnas Stimmung war wieder auf dem Tiefpunkt.

„Ich guck mal, ob ich Deutsch hinkriege,” Alicia-Sophie versuchte das Thema zu wechseln. „Wie gehn die Regeln für die Inhaltsangabe nochmal?”

„Lass mich mit dem Mist in Ruhe, als ob die Backes den Scheiß, den wir einschicken, korrigiert.” Corinna saß wieder auf ihrem Bett und hielt einen Plüschteddy im Würgegriff.

„Ich will auf jeden Fall den Schulabschluss schaffen,” verteidigte Alicia-Sophie ihren Lerneifer.

Corinna war skeptisch. „Ob die Prüfungen überhaupt stattfinden, steht  noch in den Sternen. Ich brauche den Abschluss doch selbst, damit ich die Lehrstelle anfangen kann und dann nichts wie raus hier.” Mit einer ausladenden Armbewegung umfasste Corinna das ganze Zimmer und ihre gesamte, zu klein gewordene Welt.

„Sobald ich kann, hau ich ab und zieh’ zu Markus,” sagte Corinna. Mit diesen Zukunftsaussichten sah sie sich wieder in der Lage der Zukunft zu trotzen.  „Komm, wir holen uns jeder einen einen Saft und trinken den dann auf die nächste Party, wann und wo immer sie stattfinden wird – und auf die wartenden Smileys.”

Corinna machte sich auf den Weg zum Kühlschrank. Auf dem Treppenabsatz blieb sie abrubt stehen. Ihre Mutter sprach am Telefon mit ihrer Freundin. „Ob du es selbst willst oder nicht,” sagte sie gerade, „in der Coronakrise erfähst du die Wahrheit über deine eigene Beziehung.”

Vor dem Fernsehen hatte Ilse ihren Platz in einem der Sessel neben dem Tischchen mit Strickzeug.

Heute war einer jener Abende an dem Rüdiger Neuburg,  statt sich wie sonst über die gesamte Liegefläche der Couch zu flätzen, aufrecht saß  und mit der  Hand auf den Platz neben sich klopfte.

„Mein rechter  Platz ist leer, da wünsch’ ich mir meine Ilse her!”

Sein Ton machte deutlich, dass es sich keinesfalls um einen Wunsch handelte, dem zu widersprechen eine reale Möglichkeit gewesen wäre.  Ilse legte die Nadeln zurück in den Korb und erhob sich. Obwohl beide Eltern lächelten, verkrampfte sich Corinnas Magen.

„Die Nachrichten nerven. Immer nur ‚Corona Virus’. Mittlerweile geht es den Politikern nicht mehr um die Gesundheit der Menschen, sondern nur um ihre eigenen Karrieren.”

Corinna war froh, dass sich das Gespräch zwischen den Eltern in friedlichen Bahnen zu entwickeln schien und beschloss sich zu beteiligen. „Haben die Politiker sich denn jemals um etwas anderes als ihre aufgeblasenen Egos gekümmert?”

Ilse Neuburg rückte ein wenig von ihrem Mann ab und wandte sich der Tochter zu. „Zu Anfang der Corona-Krise hatte ich das Gefühl, die verschiedenen Parteien arbeiten zusammen um gemeinsam Lösungen für die Probleme zu finden.”

„So’n Unsinn!”, sagte Rüdiger.

Ilse fand sich in Erklärungsnot.

„Ich meine, die politischen Diskusionen waren nicht so aggresiv wie man das sonst gewöhnt ist. Es schien den Einzelnen Freude zu bereiten, sich nicht mehr ständig gegenseitig bekriegen zu müssen. Sogar Angela Merkel blühte sichtlich auf, vielleicht weil sie als Naturwissenschaftlerin mit Kollegen sachlich und aufs Fachliche konzentriert arbeiten konnte.”

„In welchem Land lebst denn du?”

Wenn Rüdiger Neuburg verächtlich schaute, wurde sein Mund  schmal und die Augen schauten böse.

„Angela Merkel und aufblühen? Das sind zwei Begriffe, die nichts miteinander zu tun haben.”

Er schien sich auf etwas zu besinnen. „Was soll’s”, sagte er.

Rüdiger rückte wieder näher an seine Frau heran. „Gleich kommt ‚Hart aber Fair’, danach bin ich müde.”

Ilse versuchte seinem Blick auszuweichen.

Corinnas Handy blinkte. „Ich geh’ auf mein Zimmer, gute Nacht.”

Sie stapfte die Treppe hoch während sie auf ihr Display schaute. Es gab einige neue Nachrichten, aber keine von Markus. Die war schon längst überfällig. Corinna durchlebte ein Gefühlschaos, das sie innerhalb von Sekunden aus ihrer unbändigen Wut auf Markus, weil er sich nicht meldete, in tiefe Angst stürzte, weil ihm etwas Schlimmes passiert sein könnte. Sie schaffte es gerade noch in ihr Zimmer, bevor die Tränen kamen.

Rüdiger reagierte nicht auf Corinnas Abgang. Jetzt alleine mit Ilse im Zimmer zu sein, kam ihm gerade recht. „Also nicht ‚Hart aber Fair’. Auf Netflix gibt’s ‚geheimste Wünsche’, den wollte ich mir schon immer mit dir ansehen.”

Ilse schaute ihren Mann entgeistert an. „Während unsere Tochter oben in ihrem Zimmer ist, willst du Pornos gucken?”, wollte sie ihm entgegenschreien, brachte jedoch keinen Ton heraus. In all den Jahren, die sie verheiratet waren, hatte sie es nie gelernt, über intime Dinge wirklich zu reden. Ilse war sich bewusst, dass darin ein Großteil ihrer Schwierigkeiten lag.

So schnell gab Rüdiger nicht auf.

 

Josh on Flickr Livingroom

Foto: Josh on Flickr

 „Der Film ist doch harmlos – wir könnten nach oben gehen. Corinna ist für den Abend eh mit ihrem Handy beschäftigt.”

Ilse wurde panisch. Nein, es lag nicht nur an ihr. Vielleicht war sie verklemmt. Aber alles musste sie sich nicht bieten lassen. Sie gab sich keine Mühe mehr ihren aufgewühlten Zustand zu verbergen.

„Weißt du was, mir geht’s nicht gut. Ich brauche frische Luft.”

Ihr Mann machte einen letzten Versuch. „Wir können erstmal einen gemeinsamen Spaziergang machen!”

Wenn er in dieser Stimmung war, dann war mit Worten nichts mehr auszurichten und Tränen halfen auch nicht. Meist gab Ilse dann nach.

Ohne ein weiteres Wort verließ Ilse das Haus. In den Parkanlagen setzte sie sich auf eine etwas abseits stehende Bank. Somit lief sie keine Gefahr auf Bekannte zu treffen. Ihre Gedanken wirbelten wild durcheinander und wurden zu einem fiebrigen Feuerwerk. Ihre Schädeldecke drohte zu zerspringen. Sie  spürte den geballten Druck und all die Verkrampfung der vergangenen Wochen, die sie ohne nennenswerte anderweitige Kontakte, mit ihrem Mann – mit diesem Mann – in der Enge ihrer Wohnung verbracht hatte. Mit ihrem ganzen Körper kam sie zu der Erkenntnis, dass sie ihre eheliche Beziehung nicht mehr schönreden konnte.

Sie beschloss zu weinen.

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